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23. März 2007

Sechster Tag: Schlaflose Nacht, Shinkansen, Nikko und heiße Quellen ‹ Japan

von Patrick um 11:47 Uhr in Lesen

Heute gibt es eigentlich nicht so arg viel zu erzählen. Die Nacht war definitiv eine erinnernswerte der unangenehmen Art: nachdem ich mich gestern noch bei einem Bier von Kjetil verabschiedet hatte und so gegen 3 Uhr im Bett lag, konnte ich zunächst nicht einschlafen; das Bier hatte hier wohl eine etwas paradoxe Wirkung. Als ich dann gerade gegen 4 Uhr eingedöst war, ging eine Höllenmaschine von einem japanischen Handy an, das aber keinem zu gehören schien. So etwas habe ich noch nicht erlebt: es blinkte wie eine ganze Kirmes in verschiedensten Farben und unglaublich hell und spielte zuerst ein “Lied” (Pseudo-Heavy Metal) und alle weiteren zwei Minuten Gitarrenriffs in absolut unglaublicher Lautstärke. Da es ein japanisches Handy war, gelang es weder mir noch einem anderen Zimmer- und Leidensgenossen, das Handy abzuschalten, also ging der Spuk etwa eine geschlagene halbe Stunde, dann stellte es sich stumm. Einige der Schlafenden wachten nicht auf und machten auch sonst keine Geräusche, dass ich schon den Exitus vermutete, aber der Alkoholpegel war wohl auf Koma eingestellt. Jedenfalls wurden diese Amerikaner dann um Fünf Uhr von ihrer Lehrerin (?) lautstark und unter Zuhilfenahme eines Hostel-Angestellten, der das Zimmer öffnen musste, geweckt. Meinen Plan, um 7 Uhr aufzustehen, da ich früh nach Nikko aufbrechen wollte, gab ich dann um 5:30 Uhr geschlagen. Aus dem Bett schaffte ich es erst gegen kurz vor 10 Uhr, was mir eigentlich schon viel zu spät war. Aber was sollte ich machen, ausgeschlafen war ich auch noch lange nicht.

Gegen 11 Uhr war ich dann am Bahnhof Ueno, schaffte es trotz nicht vorhandener Englischkenntnisse des Bahnangestellten, einen Sitzplatz im Super Express Shinkansen zu reservieren und schaffte es auch noch, auf dem Weg etwas O-Bento für die Zugfahrt (natürlich hatte ich noch kein Frühstück) zu kaufen. Ich schaffte es weiter, meinen Sitzplatz zu finden und dann ging es endlich zügig los mit dem Shinkansen Richtung Norden. Meine Lunchbox entpuppte sich dabei als Delikatesse: eine etwa zehn Zentimeter durchmessende mit Seetang umwickelte, in Scheiben geschnittenen Sushi-Rolle mit vielerlei Füllungen, zum Beispiel zweierlei leckerer Fisch, Tunfischpaste, Gemüse, Salat und noch mehr. Definitiv das Leckerste dieser Art Sushi, das ich jemals gegessen habe. Dazu gab es eingelegten Ingwer und Sojasauce. In Utsunomiya verließ ich den Shinkansen und fuhr mit eine halbe Stunde später mit einem Zug voller Highschool-SchülerInnen Richtung Nikko, wo ich die nächsten zwei weiteren Tage verbringen werde. Meine (sehr zu empfehlende) Pension “Turtle Inn Nikko” erreichte ich nach einem schweißtreibenden Marsch mit Gepäck (nächstes Mal nehme ich den Bus) gegen 14 Uhr. Die Pension ist ein typisch japanisches Ryokan, das hauptsächlich traditionell japanische Unterkunft anbietet, will heißen, mein kleines Einzelzimmer hier ist mit Tatami (Reisstrohmatten) ausgelegt, ein Fernseher und eine Heizung stehen drin und die Bäder hier sind mit heißem Quellwasser gespeist (was aber natürlich nicht für alle Ryokan gilt).

Hier in Nikko werden leider um halb Vier bereits die Bürgersteige hochgeklappt, daher ging ich sofort los, um mir den bekanntesten Schrein der Stadt, den Tōshō-gū, anzuschauen. Weltberühmt ist dieser für die Darstellung der drei weisen Affen (”nichts böses hören, sehen oder sprechen”). Da es sehr viel zu sehen gab, schaffte ich in den nicht ganz eineinhalb Stunden nur einen Bruchteil der Anlage, der hatte sich aber schon definitiv gelohnt. Die Tempelanlage liegt in einem Kiefernwald sehr malerisch mit übermoosten Steinlaternen und Buddhafiguren, wobei die Gebäude mit kunstvollen farbigen Schnitzereien sehr reich verziert sind und auch reich vergoldet. Bisher definitiv der schönste japanische und vielleicht insgesamt buddhistische Tempel, den ich gesehen habe. Einige Gebäude durfte man auch (natürlich ohne Schuhe) betreten und gerade diese Teile waren fast atemberaubend schön. Kleine innere Gärten im japanischen Stil, viel Gold, und Lack, sehr kostbar und viele, viele sehr schöne Verzierungen. Morgen werde ich mir die Anlagen wohl noch einmal etwas ausführlicher ansehen.

Nikko ist jedenfalls in jeder Hinsicht ein Kontrast zu Tokyo: eine kleine Stadt mit teils noch schneebedeckten Bergen, viel Wald, viel Wasser und vielen, vielen moosbedeckten Steinen und Statuen. Es hat etwas von dem mystischen Bilderbuch-Japan. Mir gefällt es jedenfalls sehr gut und ich freute mich vorher schon sehr auf den Besuch. Etwas schade ist, dass ich durch den heutigen Tag einiges an Zeit verloren habe und auch der Sonntag, den ich eigentlich zum Wandern nutzen wollte, kommt ja jetzt spontan auch einer anderen Verwendung zu. Aber die ist schließlich nicht schlechter — auf meine spontane Verabredung freue ich mich sehr.

Nach dem kurzen Tempelbesuch wanderte ich noch ein wenig in der Umgebung und besuchte einen Figurenpark, für den Nikko auch sehr bekannt ist: Zahlreiche am Fluss aufgereihte Buddhafiguren, natürlich übermoost und zurzeit mit roten Kappen und Lätzen geschmückt, deren Zweck mir allerdings verschlossen blieb, die recht hübsch anzusehen sind. Auch einen kleinen alten Friedhof fand ich im Wald, sehr malerisch.

Wieder in der Stadt, beschloss ich, ausnahmsweise einmal chinesische Küche in Japan zu probieren. Die Auswahl an Restaurants in der unmittelbaren Umgebung ist nicht so groß und ich hatte keine gesteigerte Lust mehr, weit zu laufen. Das Essen in dem kleinen Restaurant war ausgezeichnet und das beste chinesische Restaurantessen, das ich bisher genießen durfte. Ich nahm ein Menü, das auf dem Bild ganz gut aussah, ohne wirklich zu wissen, was es war. Es entpuppte sich als eine Zusammenstellung aus Maissuppe, kurzgebratenem Schweinefleisch mit fünf verschiedenen Pilzarten, sehr grünen chinesischem Gemüse, Ingwer und einigen anderen Zutaten, dazu natürlich Reis, salzig eingelegtes Gemüse und und einer Art süßem Tofuquark mit Marzipangeschmack und Dosenfrüchten. Letzterer schmeckte dabei sehr gut, wobei ich noch nie zuvor etwas vergleichbares gegessen habe. Das chinesische Essen schmeckt mir auf diese Weise und mit den Beilagen, die man Europäern in deren Heimatländern wohl eher nicht vorsetzt (wie das eingelegte Gemüse, das ich mir selbst gelegentlich im Asiamarkt in Deutschland kaufe) viel besser. Ich glaube, ich werde chinesisches Essen in den nächsten zwei Wochen noch einmal woanders versuchen.

Nachdem ich meinen heutigen Bericht am hiesigen kostenlos zu nutzenden Internet-Computer beendet habe, werde ich mich als letzte Tat des Abends in meine im Zimmer bereit liegende Haus-Yukata hüllen, einen Stock tiefer schlappen und mich dann schön in den heißen Onsen (die Mineralwasserquelle) legen. Und dann geht es direkt auf meinen Futon und ich schaue mal, was das lokale Fernsehprogramm und Radio zu bieten hat… :)

Beitrag verfasst:am 23. März 2007 um 11:47 Uhr von Patrick
Kategorie(n):Lesen
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