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28. Januar 2006

Der Zoll und ich

von Patrick um 17:16 Uhr in Lesen

Oder: Eine Geschichte aus der Rubrik »Wenn man sonst nichts erlebt«.

Vorgestern war ich beim Zollamt. Vorher war ich mir nicht bewusst, dass es hier überhaupt ein örtliches Zollamt gibt. Wieder etwas gelernt. Vorangegangen war dem Besuch ein Zettel vor einer Woche in meinem Briefkasten, der so schlecht kopiert war, dass ich zunächst gar nicht genau wusste, um was es überhaupt ging. »Zollamt« konnte ich noch entziffern und dass es um meine zwei Wochen zuvor bei YesAsia in Hong Kong bestellte Lieferung ging, konnte ich mir zumindest denken.

Die Nummer des Zollamtes hatte ich mir online besorgt und mir dann erst einmal telefonisch die Sachlage erklären lassen: Mein Päckchen liege beim Zollamt und ich müsse persönlich vorbeikommen, eine Rechnung mitbringen und das Päckchen abholen. Öffnungszeiten werktags von 9:00 bis 15:30 Uhr, Samstags geschlossen. Klar, dachte ich, kein Problem für einen arbeitenden Menschen. Zum Glück hatte ich vorgestern einen freien Tag und was macht man an einem solchen Tag schon lieber, als zum örtlichen Zollamt (fast) hinter den sieben Bergen zu fahren? Eben.

Guten Mutes fuhr ich also mit der Bahn zum Zollamt und händigte den dortigen Beamten meinen schlecht kopierten Schein und meine Rechnung aus. Ein Beamter holte das Päckchen und präsentierte es mir zusammen mit einem Teppichmesser zur feierlichen Eröffnung. Nachdem ich mein Werk getan hatte, wurden die Innereien in gemeinschaftlicher Arbeit von zwei Zollbeamten ausgebreitet und fachmännisch begutachtet. Als erstes zogen die beiden unter ominösen Blicken und deuten auf den Titel, die DVD »2 Young« (ein definitiv unverdächtiges Melodram aus Hong Kong mit zugegeben (*schwitz*) ambivalentem Titel) aus dem Päckchen. Näheres Inspizieren der DVD-Hülle und meine Antwort auf die Frage was denn das sei, ließen dann tatsächlich keine weiteren Assoziationen zu verdächtigen Inhalten aufkommen. »Hätte ja auch ein anderes Drama sein können«, grinste einer der Beamten. Der Rest der Lieferung sah wesentlich unverdächtiger aber nicht minder interessant aus, was offensichtlich auch die anderen Umstehenden fanden.

Auf meine Fragen, wie es denn jetzt weitergehe, wurde ich freundlich und ausführlich aufgeklärt: Ich müsse das Päckchen nachverzollen (zurzeit 16 Prozent Einfuhrumsatzsteuer plus 3,5 Prozent Zoll). Soweit kein Problem, Schutz des Binnenmarktes und so weiter. Ist ja auch prinzipiell okay, wenn natürlich für einen selbst unschön, besonders, da auch eventuelle Versandkosten mit verzollt werden müssen. Das Geld hätte ich gerne auch sofort bar auf den Tresen gelegt und meine Sachen eingepackt… aber… so einfach war das leider nicht.

Die beiden Beamten prüften nun, ob auf den DVD-Boxen jeweils das DVD-Logo enthalten war, was bei allen Boxen der Fall war. In diesem Fall, so wurde mir mitgeteilt, müssen alle DVDs leider einbehalten werden und zwecks Prüfung auf eventuelle Raubkopien an die »Firma DVD« (sic!) geschickt werden (auch die Existenz der »Firma DVD« war mir bisher entgangen, aber ich nehme nach kurzer Recherche an, es handelt sich dabei um die DVD Format Logo Licensing Corporation (DVD FLLC)). Diese Firma habe Antrag auf Prüfung aller importierten DVDs gestellt, prinzipiell schon ab der ersten, praktisch beginne das Interesse wohl eher ab etwa drei bis vier DVDs. Also werden alle meine (und wohl auch viele, viele andere) DVDs vom Zoll an die »Firma DVD« verschifft, diese habe dann — so die Auskunft — zehn Tage Zeit, die Scheiben zu prüfen; danach werden sie zurück an den Zoll geschickt, der dann — wenn ich es möchte (was ich vorsorglich mal direkt vehement bejahte) — wiederum mir das Päckchen kostenfrei zuschicken kann. Denn die Versandkosten habe ich ja schon bezahlt. Wow.

Somit hatte sich meine Hoffnung, die schönen DVD-Boxen mitnehmen zu können ziemlich schnell wieder zerstreut. Immerhin durfte ich die einzige im Päckchen enthaltene CD einstecken. Nachdem die beiden nun in harter Arbeit unter meiner Assistenz die Anzahl der jeweils in den Boxen enthaltenen DVDs festgestellt hatten, wurde noch ein kurzes Protokoll verfasst und ich durfte mit einer Quittung und meinem — mir vorab überlassenen — Oldboy-Soundtrack (von einem Zollbeamten grinsend und mit Kopfnicken als »guter Film« anerkannt) wieder nach Hause fahren. Tja.

Den Beamten, die wirklich sehr freundlich waren und mir umfassend Auskunft gaben, will ich überhaupt keinen Vorwurf machen; sie sahen selbst auch nicht wirklich glücklich mit der Regelung aus. Selten genug habe ich persönlich mit deutschen Behörden zu tun, aber die meisten Kontakte enden doch immer wieder in großem Staunen. Und wer den ganzen Verwaltungsaufwand für mein kleinen Päckchen (und unzählige mehr — der Flur draußen war noch voll von Menschen, die nicht gerade nach Großimporteuren aussahen) bezahlt, will ich gar nicht wissen. Aber ich habe da so eine Vermutung. Brr…

Und wenn ich Glück habe und meine komplette Bestellung der Vernichtung als Raubkopien entgeht (wovon ich ausgehe), kann ich vielleicht sogar schon in zwei Wochen mein Päckchen beim Postamt abholen…

Beitrag verfasst:am 28. Januar 2006 um 17:16 Uhr von Patrick
Kategorie(n):Lesen
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